Abheben im Seil: Warum Bungee Fitness mehr ist als nur ein Trend

Es sieht aus wie ein Ausflug in die Schwerelosigkeit. Es fühlt sich an wie kindliche Leichtigkeit. Und es erobert gerade die Fitnesswelt – von Berlin über Wien bis in kleine Studios auf dem Land.

Bungee Fitness. Das Training mit dem elastischen Seil, das an der Decke befestigt ist.

Aber hinter den spektakulären Videos steckt mehr als nur ein Instagram-Trend. Wir haben uns die sechs wichtigsten Fragen angeschaut. Die Antworten sind überraschend.

1. „Verbrennt Bungee Fitness wirklich 600 Kalorien pro Stunde?“

Die kurze Antwort: Ja. Aber nicht automatisch.

Die Zahlen, die du hörst – 500, 600 Kalorien – kommen nicht von ungefähr. Selbst die AOK nennt sie. Auch Studios werben damit. Und jetzt gibt es sogar eine Studie, die das untermauert.

Forscher der Adelphi University haben gemessen, was wirklich passiert. Und sie sind zu einem klaren Ergebnis gekommen: Es kommt auf die Übung an. Und auf dich.

  • Cardiojump: ca. 539 Kalorien pro Stunde

  • Burpees: ca. 489 Kalorien pro Stunde

  • Laufen im Seil: ca. 474 Kalorien pro Stunde

  • Kniebeugen: ca. 354 Kalorien pro Stunde

Die Wissenschaftler sprechen von einem „moderaten bis starken kardiovaskulären und metabolischen Reiz“. Übersetzt: Es ist anstrengend. Vergleichbar mit intensivem Intervalltraining.

Aber – und das ist der Punkt – du musst dich reinhängen. Wer in der Stunde nur ein bisschen federt, verbrennt auch nur ein bisschen. Wer wirklich geht, erreicht die hohen Werte.

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2. „Bungee Fitness für Übergewichtige und Menschen mit Verletzungen“

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Und der, den viele übersehen.

Normales Joggen? Hohe Belastung für Knie, Hüfte, Wirbelsäule. Springen? Noch schlimmer. Aber das elastische Seil hebt genau diese Hürde auf. Die AOK sagt es deutlich: Bungee Fitness ist „besonders geeignet für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie Verletzungen oder Übergewicht“.

In Studios wie Air Fit Bungee in Burbank berichten Teilnehmer mit Knie- und Hüftprothesen, dass sie hier Bewegungen machen können, die außerhalb des Seils unmöglich wären.

Eine Instructorin, die selbst Arthrose in beiden Knien hat, sagt: „Ich kann Kniebeugen, Burpees und Jumping Jacks machen – all das kann ich auf dem Boden ohne die Bungees nicht.“

Das Seil nimmt einen Teil des Körpergewichts ab. Es federt den Aufprall. Es macht Bewegung möglich, die sonst schmerzhaft wäre.

3. „Kann man Bungee Fitness zu Hause machen?“

Ich verstehe den Wunsch. Keine Anfahrt. Keine Kurszeiten. Einfach morgens aufstehen und ins Seil springen.

Aber ehrlich? Es ist kompliziert.

Das ZDF hat sich das angeschaut und klare Nachteile aufgezählt: die Beschaffung des Materials, die fehlende Gruppendynamik – und vor allem die Sicherheit.

Du brauchst nicht nur den Gurt und das Seil. Sondern eine stabile Deckenverankerung. Etwas, das dein Körpergewicht plus Schwung aushält. Tragseilkonstruktionen. Stahlträger. Kein einfacher Haken in der Balkendecke.

In den ersten Monaten des Booms gab es sogar einen Materialengpass. Und selbst wenn du alles hast: Die korrekte Seillänge, die richtige Spannung – das einzustellen, ist nicht trivial.

Deshalb raten Experten von Heimsetup ab. Wer es trotzdem versuchen will: Es gibt mittlerweile portable Systeme. Aber die fachkundige Einweisung im Studio bleibt unerlässlich.

4. „Was sagt die Wissenschaft zu Bungee Fitness?“

Lass uns mal die Brille der Wissenschaft aufsetzen. Es lohnt sich.

Prof. Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln hat sich den Trend angeschaut. Sein Urteil? Positiv. Durch die Entlastung der Gelenke sei das Training auch für Menschen geeignet, die andere Sportarten wegen Verschleiß nicht mehr ausüben können.

Die US-Studie, die wir schon erwähnt haben, liefert die Zahlen dazu: Die Sauerstoffaufnahme liegt bei Werten zwischen 18 und 27 ml/kg/min. Das entspricht einer Intensität von 5,2 bis 7,9 METs. Die Herzfrequenz? Bei 70 bis 82 Prozent der maximalen Herzfrequenz.

Wissenschaftlich gesprochen: Bungee Fitness bietet eine geringere orthopädische Belastung als Gehen, Laufen oder Aerobic auf festem Boden. Und das bei vergleichbarer kardiovaskulärer Intensität.

5. „Bungee Fitness für Anfänger: So überwindest du die erste Hürde“

Das ZDF hat es treffend formuliert: „Die Bewegungen sind am Anfang gewöhnungsbedürftig.“ Das ist noch untertrieben.

Viele Nutzer berichten, dass die ersten Minuten im Gurt sich „komplett seltsam und lächerlich“ anfühlen. Du stehst da, wackelst, versuchst zu hüpfen und denkst: Was mache ich hier eigentlich?

Die größte Hürde ist nicht die körperliche Fitness. Sondern der mentale Schritt. Das Vertrauen in das Material zu fassen. Zu glauben, dass es hält.

Kayla Gregory, eine Studio-Betreiberin aus Wyoming, hat einen klaren Rat: „Du machst dir weniger Sorgen, dich vor deinen Freunden zum Affen zu machen. Das ist der beste Weg, es auszuprobieren.“

Deshalb: Einsteigerkurse. Dort lernst du erstmal das Gefühl. Die Federkraft. Die Balance im Gurt. Und du merkst: Du bist nicht allein. Alle anderen fühlen sich genauso seltsam.

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6. „Bungee Fitness im Reha-Bereich: Neuer Trend in der Physiotherapie“

Das ist vielleicht der spannendste Aspekt. Was als Fitness-Trend begann, wird gerade zu einem ernstzunehmenden Werkzeug in der Physiotherapie.

Hersteller wie Sensopro bringen spezielle Technologien wie MoonMotion auf den Markt – explizit für den Einsatz in der Reha. Das Ziel: Patienten früher und selbstbewusster wieder in Aktivität bringen.

Aus physiotherapeutischer Sicht ist Bungee Fitness besonders geeignet für:

  • Knie-Rehabilitation. Nach Kreuzbandrissen zum Beispiel. Die Federung ermöglicht Bewegungen ohne Scherkräfte.

  • Rückenschmerzen. Die instabile Lage aktiviert die Tiefenmuskulatur.

  • Arthrose-Patienten. Die Entlastung macht schmerzfreie Bewegung möglich.

Allerdings: Nicht in der akuten Phase. Das betonen Experten immer wieder. Bungee gehört in die mittlere bis späte Phase der Genesung. Als Ergänzung zur klassischen Physiotherapie. Und immer nach Absprache mit dem Arzt oder Therapeuten.

Unser Fazit

Bungee Fitness ist kein flüchtiger Trend. Dafür ist es zu vielseitig, zu effektiv, zu tief in der Wissenschaft verankert.

Es schont die Gelenke, fordert den Kreislauf, macht Bewegung möglich, die sonst nicht geht. Und ja – es macht Spaß. Wahnsinnig viel Spaß.

Wer einmal im Seil hing, versteht, warum.

→ Für alle, die zu Hause starten möchten: Tipps zur passenden Bungee-Ausrüstung

👉 Du willst es selbst ausprobieren? Hier findest du Einsteigerkurse in deiner Nähe.

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„Ich hasse Cardio, aber liebe Krafttraining – ist Bungee Fitness die Lösung?“